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Das Echo der Sepiajahre



Das Echo der Sepiajahre



Prolog

  

»Werner, wir haben verloren! Der Krieg ist zu Ende. Mann! Warum hast du mir nicht geglaubt?«

Mit schmerzverzerrtem Gesicht griff Heinz sich an die Brust und sackte auf die Trümmer. Auf seinem linken Ellbogen aufgestützt, starrte er ungläubig in Werners Gesicht. Langsam und unaufhörlich rann das Blut aus dem Mundwinkel von Heinz’ leicht geöffneten Lippen, während er gedrosselt ausatmete: »Du Idiot.«

Heinz’ letzte Worte sollten Werner sein Leben lang verfolgen. Hätte er doch nur an jenem schicksalhaften Tag, dem dritten Mai 1945, so kurz vor Kriegsende, nicht blind den Anweisungen des Lehroffiziers Hinz gefolgt.

Hätte er doch nur – Wie oft wird dieser brennende Wunsch ausgesprochen? Wahrscheinlich selten mit dem immensen Bedauern, das Werner empfand. Er konnte den Tod seines Vaters nicht verhindern, noch den seiner Mutter noch den von Anna. Doch den seines besten Freundes hätte er verhindern können.


1 Sigrid, Werner, Heinz

Sigrid 2013 – Brisbane

Sigrid schälte sich aus ihrer himmlischen Hängematte und fand Halt. Sie nahm ihr Buch und ihre Tasse Tee und schritt vorsichtig über die Pflastersteine rund um den Lap-Pool, dann weiter auf dem Weg zum Wohnzimmer ihres Bungalows. Wie immer warf sie beim Eintritt einen wehmütigen Blick auf das Foto im geschnitzten Holzrahmen im oberen Bücherregal. Du schaust noch immer nach mir, selbst wenn du nicht mehr bei mir bist. Im Laufe der Jahre hatte die Sehnsucht, das tragische Ereignis ihrer Kindheit in Deutschland zu ergründen, an Intensität nichts verloren. Doch nun würde Isabella ankommen, und Sigrid war fest entschlossen, die nächsten Tage mit ihrer Enkelin zu genießen. 

Im Gemurmel der Menschenmenge am Flughafen Brisbane studierte Sigrid die Flugankunftsanzeigen.

»Hallo, Oma.«

Nach rechts blickend, wurde Sigrid nur für einen Augenblick vom spektakulären Anblick eines leuchtend pink- und violett gestreiften Hemdes aus der Bahn geworfen, bevor sie Isabellas breit lächelndes Gesicht erkannte.

»Oh, mein Schatz, wie schön, dich wiederzusehen.«

Sie umarmten sich herzlich, küssten sich auf die Wangen, lachten.

»Wie du gewachsen bist, seit ich dich das letzte Mal gesehen habe. Sieh uns an – du bist jetzt größer als ich.«

Einen Schritt zurücktretend, schwärmte Sigrid weiter: »Oh, lass mich dich noch einmal anschauen. Du wirst immer hübscher. Du siehst großartig aus, mein Schatz. Ich freue mich so, dich zu sehen. Hattest du einen guten Flug von Gladstone? Komm, wir holen dein Gepäck vom Gepäckband.«

Isabella, unfähig, ein Wort einzufügen, presste die Lippen zusammen und murmelte verstohlen, während sie sich umsah, ob jemand sie beobachtete: »Ja, na ja…«

Arm in Arm gingen sie die Rolltreppe in der Ankunftshalle des Flughafens hinunter, um Isabellas psychedelisch buntes Gepäckstück abzuholen. Man hätte meinen können, es seien die 1960er Jahre und nicht das einundzwanzigste Jahrhundert. So ist eben Isabella. Ein hinreißendes junges Wesen.

Auf der Heimfahrt unterhielten sie sich angeregt, ganz offensichtlich einander Gesellschaft leistend. Während Sigrids Verhältnis zu ihrer Tochter Katrina eher förmlich war, fühlte sie sich bei Isabella wohl und gelöst. Ihre Enkelin zu verwöhnen, kam mit natürlicher Zuneigung, und ist das nicht eines der Privilegien, die man als Oma genießt? Für Sigrid kam diese Zuneigung organisch – fast wie das Älterwerden. Während die erste Tätigkeit als angenehm wahrgenommen wurde, stellte die zweite eine fortwährende Herausforderung für sie dar.

Sigrid war sich ihrer körperlichen Ausstrahlung bewusst, besonders auf ihren Reisen durch Europa. Dort war die politische Korrektheit, die Australien scheinbar erfasst hatte, erfrischend vage. Bis heute erfreut sie sich an dem Kompliment eines jungen Franzosen, der sie mit seinem ständigen: Mais oui, Madame, vous êtes très attirante, amüsierte. Schlank, attraktiv und von Natur aus kokettierend, gefiel ihr das heitere Herumalbern mit männlichen Gesellschaftsmitgliedern. Sigrids kurzes weißes Haar umrahmte ein ovales Gesicht, aus dem tiefblaue Augen funkelten. Die leichte Lücke zwischen den Vorderzähnen verlieh ihr ein schelmisches Lächeln, und die paar Fältchen am Hals taten ihr keinen Abbruch.

Als sie sich ihrem Heim näherten, richtete sich das Lob an Oma: »Oh, Oma, wie schön dein Haus aussieht. Was machen die Hühner?«

»Du wirst sie gleich sehen. Lass mich nur erst den Wagen parken.«

Sie fuhren zur Garage. Schatzi, der kurzhaarige Dackel, bellte freudig, während er neben der Einfahrt sprang, rannte und herumtollte. Auch Schatzi freute sich über Isabellas Besuch, obwohl ihre Ballspiele energischer waren, als der kleine Hund gewohnt war. Gertie, Bertie und Floss waren damit beschäftigt, Würmer, Insekten, Larven und andere Leckerbissen vom Boden aufzusammeln, und nahmen von der jungen Besucherin kaum Notiz.

Beim Abendessen erzählte Isabella Sigrid von ihrer Klassenfahrt nach Deutschland, die für das nächste Jahr geplant war und im Unterricht bereits lebhaft besprochen worden war.

»Wir fahren im November los und kommen im Januar zurück. Stell dir nur vor – ein weißes Weihnachten. Ich habe noch nie Schnee gesehen. Es ist so aufregend. Und unsere Lehrerin sagte dasselbe wie du über den Christkindlmarkt in Nürnberg. Ich kann es kaum erwarten, Oma. Es ist so gut, dass du mir bei meinen Deutsch-Hausaufgaben geholfen hast. All die Erzählungen und die ganze Geschichte des Landes – das half wirklich. Und wenn ich in der zehnten Klasse bin, fahre ich wirklich los. Juchhu.«

»Ja, das ist spannend. Und es wird für dich wunderbar sein, in die Sprache und Kultur deiner Vorfahren einzutauchen. Nicht nur die deiner Vorfahren, sondern auch die Sprache, die du in der Schule lernst.« Ihre Stimme senkend, als wollte sie sich anvertrauen, fuhr Sigrid fort: »Weißt du, wir sind hier in Australien so abgelegen. In Europa reist man nur kurze Strecken, und schon ist man in einem anderen Land mit einer anderen Sprache und anderen Sitten. Hier hingegen legt man lange Strecken zurück, und doch ist alles gleich. Ich weiß«, sie holte tief Luft, »manche mögen sagen, es gäbe einen Unterschied zwischen einem Nord-Queensländer und einem städtischen Victorianer, aber – ach, das ist eine andere Geschichte. Jedenfalls wird es gut für dich sein, und ich freue mich sehr für dich.«

Mit einem Hauch von Wehmut fügte Sigrid leise hinzu: »Ich habe immer davon geträumt, eines Tages mit dir zu reisen. Nun«, sie bebte leicht: »vielleicht ein andermal.«

Während Sigrid das Geschirr abräumte, streichelte Isabella das kleine geschnitzte Eichhörnchen auf dem Bücherregal. »So niedlich«, murmelte sie, »Oma nennt dich Knusperchen.« Ihr Blick wandte sich auf das alte Foto links daneben, das bei jedem Besuch ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. Vorsichtig hob sie den Holzrahmen auf und betrachtete die sepiafarbigen Umrisse der beiden jungen Leute.

»Oma, ich weiß, dass du das mit deinem Bruder bist. Wie alt wart ihr da?«

»Ich war gerade sieben geworden, und Heinz war dreizehn. So alt wie du jetzt bist. Er wäre der Onkel deiner Mutter gewesen.« Nach einem Moment, den Zeigefinger erhoben, fügte sie hinzu: »Das war das letzte Mal, dass ich ihn sah. Es war mein Geburtstag.«

Sie kam näher, trocknete sich die Hände, deutete auf das Eichhörnchen und fuhr fort: »Wie du weißt, hat Heinz Knusperchen für mich geschnitzt. Am nächsten Tag ruderte er mich über den See zum zauberhaften Schloss Schwerin.«

Sie wischte sich mit dem Handrücken über das rechte Auge; ihre Hand zitterte leicht: »Dann, nicht einmal ein Jahr später, starb er. Es war tragisch. Traurig.« Sie holte tief Luft. »Und der Krieg war vorbei. Kannst du dir das vorstellen? So traurig und ironisch.«

»Es tut mir leid.«

Isabella zögerte, grübelte über das Rätsel, das dieses Foto und ihren Großonkel umgab, seit sie alt genug war, es zu verstehen. Sanft fuhr sie fort: »Was ist denn eigentlich passiert?«

»Ich weiß es wirklich nicht. Es war alles so ein Rätsel. Und Mutter, deine Urgroßmutter Emilie, war natürlich zutiefst betrübt. Ich schätze, damals war ich zu jung, um es zu begreifen.« Mit Entschlossenheit fügte sie hinzu: »Siehst du, mein Vater starb als Nächstes. Aber zuvor war Heinz in verschiedene Hitlerjugendlager geschickt worden. Damals machten sie das mit allen Jungen über zehn. So habe ich ihn ohnehin nie oft gesehen.« Sie wischte sich über beide Augen.

»Die Zeiten waren so schlecht, schrecklich. Menschen kamen nie zurück. Bomben fielen. Alle rannten in Luftschutzkeller.« Sigrid schnäuzte sich, sah ihrer Enkelin in die Augen und fuhr gesammelt fort: »Ich bin so froh, dass du nicht in solchen Zeiten aufwachsen musst.«

Seufzend fuhr Sigrid mit der rechten Hand über den Bilderrahmen und fügte gefasst hinzu: »Wie gesagt, ich war so jung, aber wenn ich ihn gesehen habe, hat Heinz immer auf mich aufgepasst und er hat mir gesagt, dass er es immer tun würde.« Sie zögerte: »Aber das sollte nicht sein.«

Isabella betrachtete den Jungen auf dem Foto eingehend und kam zu dem Schluss: »Wie schade, dass du nie herausgefunden hast, was passiert ist. Ihr seht beide glücklich aus, und er sieht so nett aus.«

»Oh ja, das war er.« Sigrid hielt inne, mit einem Kloß im Hals und mit erneut aufkommenden Tränen, betonte sie: »Das war er.« Nach all den Jahren kam der Schmerz immer noch leicht hoch, wenn sie an ihren Bruder dachte. Die unerklärlichen Umstände seines frühen Todes lösten stets denselben Schmerz aus. Sie drehte sich um und beschäftigte sich wieder am Küchenspülbecken.

Den düsteren Ton ändernd, rief sie über die Schulter: »Wenn du möchtest, könnten wir morgen in die Kunstgalerie der Stadt gehen.«

»Oh ja. Ja, das würde mir gefallen. Das wäre schön. Wir beschäftigen uns in der Schule gerade mit Künstlern des neunzehnten Jahrhunderts.«

»Hm, das dachte ich mir. Du hattest schon immer ein Talent fürs Malen, selbst als du noch klein warst. Ich habe noch eine der ersten Zeichnungen, die du für mich gemalt hast.«

»Ich würde auch gern ins Museum gehen, um eine Ausstellung zweitausendjähriger Schätze aus Afghanistan zu sehen. Darüber habe ich im Qantas-Magazin im Flugzeug gelesen.«

«Ich habe sie gesehen. Sie ist fabelhaft. Sie wird dir gefallen. Wann möchtest du sie sehen?«

»Vielleicht übermorgen?«

»Ach, das ist der Tag, an dem ich gewöhnlich meinen Freund David treffe.« Kaum ausgesprochen, bereute Sigrid, dass ihr das herausgerutscht war. Wie konnte sie vergessen, abzusagen? Schnell fuhr sie fort: »Oh, aber ich rufe ihn an und sage ab.«

»Nein, bitte tu das nicht meinetwegen. Außerdem hast du die Ausstellung ja schon gesehen.«

»Kein Problem. Ich verbringe viel lieber Zeit mit dir, meine Liebe.«

»Aber, Oma, ich habe mein Skizzenbuch dabei und möchte wirklich einige der Ausstellungsstücke abzeichnen. Ich verbringe damit immer Zeit allein. Also geh bitte zu deinem Freund. Du kannst mich absetzen und mich später ja wieder abholen. Ich bin ja kein kleines Mädchen mehr!«

»Gut, wenn du damit zufrieden bist, dann machen wir das so.« Ohne weitere Planung ließen sie sich auf dem Sofa nieder und blätterten in verschiedenen Kunstbüchern. Sigrid legte die CD On S’en Font von Carmen Maria Vega auf, beginnend mit dem rhythmisch betonten ersten Stück, mit dem sie ihre junge Besucherin beeindrucken wollte.

»Oh, Oma, du bist so, so cool.«

Sigrid lächelte triumphierend. 

Werner 2013

Versunken im Geigenspiel Yo-Yo Mas’ „Prélude“ aus Bachs Suite Nr. 1, bemerkte Werner nicht sofort, wie Eva sein Arbeitszimmer betrat und ihm eine Tasse Tee und ein Stück Gebäck auf einem kleinen ovalen Teller brachte.

»Danke, Liebe, das ist genau richtig.«

»Werner, du grübelst zu viel. Ich mache mir Sorgen um dich. Vielleicht hätten wir in Wodonga bleiben sollen. Du hattest treue Patienten, die zu deinen Freunden wurden.«

Das hatte er schon öfter gehört und fühlte sich nicht danach, dieses Thema erneut zu erörtern, doch um seine liebe Ehefrau, die er viele Jahre lang hatte, zu besänftigen, antwortete er knapp: »Ja, aber du weißt, meine Arthritis ist nicht mehr so lähmend wie früher. Außerdem schätzt du doch das Klima hier in Queensland. Du hast ein schönes Zuhause. Deine Freundinnen und deinen Lesekreis. Du bist engagiert in der Organisation, die Spenden für die Melanomforschung sammelt.« Er pausierte: »Ähm – Apricity. Wir gehen zu Konzerten und ins Kino. Du hast mich, und schließlich bist du Frau Doktor Muller – anglisiert ohne den Umlaut oder das extra ‚e‘. Was könntest du dir mehr wünschen?«

Werner vermochte es nicht zu unterlassen, die teutonische Förmlichkeit zu wahren: sie nicht nur mit »Frau« anzusprechen, sondern auch mit seinem Doktortitel auf eine höhere gesellschaftliche Stufe zu heben.

Eva, die das auch schon zu oft gehört hatte, wusste, dass jede weitere Diskussion sinnlos und zwecklos wäre.

»Natürlich, mein Lieber.«

Sie verließ den Raum.

Werner blickte durch das Fenster über seinen Kiefernbaum, den er trotz Evas vieler Einwände gepflanzt hatte, als sie einst nach The Gap gezogen waren. Er tauchte den Keks in seinen Tee und ließ seine Gedanken in die Jahre seiner Kindheit in Deutschland zurückgleiten. Seine früheste Erinnerung war an den Garten seiner Großmutter.

Omas Apfelbaum

Der Apfelbaum stand im Zentrum ihres Gartens, ja, er war der Mittelpunkt aller ihrer Besuche bei der Oma. Als er älter wurde, versteckte seine Mutter zu Ostern stets bunte Eier in einem der Äste. Das war die Zeit, kurz bevor die kleinen rosa-weißen Blüten überall erschienen. Er erinnerte sich daran, wie er einige Jahre später auf den großen Ast kletterte, um dann auf das darunterliegende Gras zu springen. Er stellte sich vor, Uli zu sein, der Junge aus Erich Kästners Das fliegende Klassenzimmer, der aus großer Höhe mit einem Regenschirm sprang, um seinen Mut im Gymnasium zu beweisen. Uli brach sich das Bein, wurde aber von seinen Schulfreunden als Held gefeiert. Werner brach sich nicht das Bein, erhielt aber statt einer heldenhaften Anerkennung einen Klaps von seinem Vater und eine strenge Ermahnung, so eine Dummheit nie wieder zu begehen.

Im Sommer hing an diesem Apfelbaum eine Sitzschaukel, befestigt an zwei Seilen, auf der seine Schwester Anna oft so hoch und so wild schaukelte, wie sie nur konnte.

Oma rief dann stets: »Langsam, Anna, langsam. Sei vorsichtig. Du wirst ausrutschen und dich verletzen. Denk an deinen Bruder.«

Doch Anna war wild und furchtlos. Mit ihren weißblonden Locken flog sie lachend und rufend durch die Luft: »Höher. Schneller. Das ist so schön.« Werner liebte seine kleine Schwester; sie war alles, was er nicht war: lebhaft, frech, herausfordernd und sehr eigensinnig. Das Einzige, was sie verband, war eine gewisse Standhaftigkeit. Wenn Anna ihr Zimmer nicht aufräumen wollte, dann tat sie es nicht, und damit war die Sache erledigt. Selbst der Vater vermochte sie nicht zu überreden, und sie war des Vaters ganzer Stolz, ob sie nun im Baum schaukelte oder nicht. Mit ihren großen braunen Augen, ihrem Schmollmund und ihren Wutausbrüchen kam sie immer durch. Es war nicht fair, doch so war Anna eben. Die liebe kleine Anna, die viel zu früh davon ging.

Werners Kindheit verlief bis zu seinem sechsten Geburtstag in gewisser Weise normal. Er erinnerte sich noch genau daran, wie er am ersten Schultag, Montag, 4. April 1938, mühsam auf seine Schiefertafel schrieb. Zu Hause kümmerte sich Mutter um ihn und Anna, während Vater noch dort wohnte.