Enigma in Sepia
Inhalt
1. Sigrid, Werner, Heinz
Sigrid 2013 – Brisbane
Werner 2013
Heinz - Deutschland 1939-1944
2. Australien 2013
Sigrid und Isabella - Brisbane
David
Katrina und Peter - Gladstone
3. Deutschland 1943-1945
Emilie, Sigrid, Heinz
Heinz und Werner
Gegen Kriegsende
Heinz’ Tod
4. Australien 2013
Sigrid und Isabella
Rose
Rose und David
Katrina und Peter
5. Deutschland 1945-1965
Emilie und Sigrid
Werner
Sigrid
Wolfgang
6. Werner - Australien 1954-2013
Werners Ankunft
Ein neuer Anfang
Eine Berufung finden
Werner und Eva
7. Sigrid - Australien 1966-2013
Sigrid und Wolfgang
Wurzeln schlagen
Frakturen
Beruflicher Aufstieg
Ein neuer Anfang
8. Australien 2013
Benefizveranstaltung
Offenbarung
Epilog
Liste der konsultierten Werke
Danksagung
Prolog
»Werner, wir haben verloren!
Der Krieg ist vorbei. Mensch! Warum hast du mir nicht geglaubt?«
Mit schmerzverzerrtem Gesicht griff Heinz sich an die Brust und sackte auf
die Trümmer. Auf den linken Ellbogen gestützt, starrte er ungläubig in Werners
Gesicht. Langsam und unaufhörlich sickerte Blut aus seinem Mundwinkel über die leicht
geöffneten Lippen, während sein Atem nur noch stossweise kam.
»Du Idiot«, presste er hervor.
Heinz’ letzte Worte sollten Werner sein Leben lang verfolgen. Hätte er an
jenem schicksalhaften Tag, dem dritten Mai 1945, so kurz vor dem rettenden Ende
des Krieges, doch nur nicht so verblendet den Befehlen seines Stammführers gehorcht.
Hätte ich nur…Wie oft werden diese Worte gesprochen? Doch wohl kaum jemals
mit einer so erdrückenden Last der Reue, wie Werner sie von nun an mit sich
trug. Er hatte den Tod seines Vaters nicht verhindern können, nicht den seiner
Mutter und auch nicht den von Anna. Aber den Tod seines besten Freundes – den
hätte er verhindern müssen.
1 Sigrid, Werner, Heinz
Sigrid 2013 – Brisbane
Sigrid schälte sich aus ihrer himmlischen Hängematte und fand Halt. Sie nahm ihr Buch und ihre Tasse Tee und schritt vorsichtig über die Pflastersteine rund um den Lap-Pool, dann weiter auf dem Weg zum Wohnzimmer ihres Bungalows. Wie immer warf sie beim Betreten einen wehmütigen Blick auf das Foto im geschnitzten Holzrahmen im oberen Bücherregal. Du schaust noch immer nach mir, selbst wenn du nicht mehr bei mir bist. Im Laufe der Jahre hatte der Drang, das tragische Ereignis ihrer Kindheit in Deutschland zu ergründen, an Intensität nichts verloren. Doch nun würde Isabella ankommen, und Sigrid war fest entschlossen, die nächsten Tage mit ihrer Enkelin zu genießen.
Im Gemurmel der
Menschenmenge am Flughafen Brisbane studierte Sigrid die Ankunftstafeln.
»Hallo,
Oma.«
Sigrid
blickte nach rechts und wurde nur für einen Augenblick vom spektakulären
Anblick eines leuchtend pink- und violett gestreiften Hemdes aus der Bahn
geworfen, bevor sie Isabellas breit lächelndes Gesicht wahrnahm.
»Oh,
mein Schatz, wie schön, dich wiederzusehen.«
Sie
umarmten sich herzlich, küssten sich auf die Wangen, lachten.
»Wie
du gewachsen bist, seit ich dich das letzte Mal gesehen habe. Sieh uns an – du
bist jetzt größer als ich.«
Sigrid
trat einen Schritt zurück und schwärmte weiter: »Oh, lass mich dich noch einmal
anschauen. Du wirst immer hübscher! Du siehst großartig aus, mein Schatz. Ich
freue mich so, dich zu sehen. Hattest du einen guten Flug von Gladstone aus? Komm,
wir holen dein Gepäck vom Gepäckband.«
Isabella,
unfähig auch nur ein Wort dazwischenzuschieben, presste die Lippen zusammen und
murmelte verstohlen, während sie sich umsah, ob jemand sie beobachtete: »Ja, na
ja…«
Arm
in Arm gingen sie die Rolltreppe in der Ankunftshalle hinunter, um Isabellas
psychedelisch buntes Gepäckstück abzuholen. Man hätte meinen können, es seien
die 1960er Jahre und nicht das einundzwanzigste Jahrhundert. So war eben
Isabella – ein hinreißendes junges Wesen.
Auf
der Heimfahrt unterhielten sie sich angeregt; man merkte beiden an, wie sehr
sie die Gesellschaft des jeweils anderen genossen. Während Sigrids Verhältnis
zu ihrer Tochter Katrina eher förmlich war, fühlte sie sich bei Isabella wohl
und gelöst. Ihre Enkelin zu verwöhnen, geschah aus natürlicher Zuneigung – und war
das nicht eines der Privilegien, die man als Oma hatte? Für Sigrid fühlte sich
diese Wärme organisch an – fast wie das Älterwerden. Während
das erste Element als angenehm wahrgenommen wurde, stellte das zweite jedoch eine
fortwährende Herausforderung für sie dar.
Sigrid
war sich ihrer körperlichen Ausstrahlung bewusst, besonders auf ihren Reisen
durch Europa. Dort war die politische Korrektheit, die Australien scheinbar
erfasst hatte, erfrischend vage. Noch immer erfreute sie sich an dem Kompliment
eines jungen Franzosen, der sie mit seinem ständigen »Mais oui, Madame, vous
êtes très attirante« amüsiert hatte. Schlank, attraktiv und von Natur aus
kokett, gefiel ihr das heitere Herumalbern mit der Männerwelt. Sigrids kurzes
weißes Haar umrahmte ein ovales Gesicht, aus dem tiefblaue Augen funkelten. Die
leichte Lücke zwischen den Vorderzähnen verlieh ihr ein schelmisches Lächeln,
und die paar Fältchen am Hals taten ihrem Charme+ keinen Abbruch.
Als
sie sich ihrem Heim näherten, begann Isabella zu schwärmen: »Oh, Oma, wie schön
dein Haus aussieht. Was machen die Hühner?«
»Du
wirst sie gleich sehen. Lass mich nur erst den Wagen parken.«
Sie
fuhren zur Garage. Schatzi, der kurzhaarige Dackel, bellte freudig, während er
neben der Einfahrt her sprang, rannte und herumtollte. Auch Schatzi freute sich
über Isabellas Besuch, obwohl ihre gemeinsamen Ballspiele deutlich wilder
ausfielen, als der kleine Hund es gewohnt war. Gertie, Bertie und Floss waren
damit beschäftigt, Würmer, Insekten, Larven und andere Leckerbissen
aufzupicken, und nahmen von der jungen Besucherin kaum Notiz.
Beim
Abendessen erzählte Isabella Sigrid von ihrer Klassenfahrt nach Deutschland,
die für das nächste Jahr geplant war und im Unterricht bereits lebhaft
besprochen worden war.
»Wir
fahren im November los und kommen im Januar zurück. Stell dir nur vor – ein
weißes Weihnachten. Ich habe noch nie Schnee gesehen. Es ist so aufregend. Und
unsere Lehrerin sagte dasselbe wie du über den Christkindlmarkt in Nürnberg.
Ich kann es kaum erwarten, Oma. Es ist so gut, dass du mir bei meinen
Deutsch-Hausaufgaben geholfen hast. All die Erzählungen und die ganze Geschichte
des Landes – das half wirklich. Und wenn ich in der zehnten Klasse bin, fahre
ich wirklich los. Juchhu.«
»Ja,
das ist spannend. Und es wird für dich wunderbar sein, in die Sprache und
Kultur deiner Vorfahren einzutauchen. Nicht nur die deiner Vorfahren, sondern
auch die Sprache, die du in der Schule lernst.« Sigrid senkte die Stimme, als
wollte sie ihr ein Geheimnis anvertrauen, und fuhr fort: »Weißt du, wir sind
hier in Australien so abgelegen. In Europa reist man nur kurze Strecken, und
schon ist man in einem anderen Land mit einer anderen Sprache und anderen
Sitten. Hier hingegen legt man lange Strecken zurück, und doch ist alles
gleich. Ich weiß«, sie holte tief Luft, »manche mögen sagen, es gäbe einen
Unterschied zwischen einem Nord-Queensländer und einem städtischen Viktorianer,
aber – ach, das ist eine andere Geschichte. Jedenfalls wird es gut für dich
sein, und ich freue mich sehr für dich.«
Mit
einem Hauch von Wehmut fügte Sigrid leise hinzu: »Ich habe immer davon
geträumt, eines Tages mit dir zu reisen. Nun«, sagte sie mit leicht bebender
Stimme: »vielleicht ein andermal.«
Während
Sigrid das Geschirr abräumte, streichelte Isabella das kleine geschnitzte
Eichhörnchen auf dem Bücherregal. »So niedlich«, murmelte sie, »Oma nennt dich
Knusperchen.« Ihr Blick fiel auf das alte Foto links daneben, das bei jedem
Besuch ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. Vorsichtig nahm sie den Holzrahmen
herunter und betrachtete die sepiafarbenen Umrisse der beiden jungen Leute.
»Oma,
ich weiß, dass du das mit deinem Bruder bist. Wie alt wart ihr da?«
»Ich
war gerade sieben geworden, und Heinz war dreizehn. So alt wie du jetzt bist.
Er wäre der Onkel deiner Mutter gewesen.« Nach einem Moment, den Zeigefinger erhoben,
fügte sie hinzu: »Das war das letzte Mal, dass ich ihn sah. Es war mein
Geburtstag.«
Sie
kam näher, trocknete sich die Hände, deutete auf das Eichhörnchen und fuhr
fort: »Wie du weißt, hat Heinz Knusperchen für mich geschnitzt. Am nächsten Tag
ruderte er mich über den See zum zauberhaften Schloss Schwerin.«
Sie
wischte sich mit dem Handrücken über ihr rechtes Auge; ihre Hand zitterte
leicht: »Dann, nicht einmal ein Jahr später, starb er. Es war tragisch.
Traurig.« Sie holte tief Luft. »Und der Krieg war vorbei. Kannst du dir das
vorstellen? So traurig und ironisch.«
»Es
tut mir leid.«
Isabella
zögerte, grübelte über das Rätsel, das dieses Foto und ihren Großonkel umgab,
seit sie alt genug war, es zu verstehen. Sanft fuhr sie fort: »Was ist denn
eigentlich passiert?«
»Ich
weiß es wirklich nicht. Es war alles so ein Rätsel. Und Mutter, deine
Urgroßmutter Emilie, war natürlich zutiefst betrübt. Ich schätze, damals war
ich zu jung, um es zu begreifen.« Mit Entschlossenheit fügte sie hinzu: »Siehst
du, mein Vater starb als Nächstes. Aber zuvor war Heinz in verschiedene Hitlerjugendlager
geschickt worden. Damals machten sie das mit allen Jungen über zehn. So habe
ich ihn ohnehin nicht mehr oft gesehen.« Sie wischte sich über beide Augen.
»Die
Zeiten waren so schlecht, schrecklich. Menschen kamen nie zurück. Bomben
fielen. Alle rannten in Luftschutzkeller.« Sigrid schnäuzte sich, sah ihrer
Enkelin in die Augen und fuhr gesammelt fort: »Ich bin so froh, dass du nicht
in solchen Zeiten aufwachsen musst.«
Seufzend
fuhr Sigrid mit der rechten Hand über den Bilderrahmen und fügte gefasst hinzu:
»Wie gesagt, ich war so jung, aber wenn ich ihn gesehen habe, hat Heinz immer
auf mich aufgepasst und er hat mir gesagt, dass er es immer tun würde.« Sie
zögerte: »Aber das sollte nicht sein.«
Isabella
betrachtete den Jungen auf dem Foto eingehend und kam zu dem Schluss: »Wie
schade, dass du nie herausgefunden hast, was passiert ist. Ihr seht beide
glücklich aus, und er sieht so nett aus.«
»Oh ja, das war er.« Sigrid hielt inne, mit einem Kloß im Hals und mit erneut aufkommenden Tränen betonte sie: »Das war er.« Nach all den Jahren überkam sie immer noch leicht die Schwermut, wenn sie an ihren Bruder dachte. Die unerklärlichen Umstände seines frühen Todes lösten stets denselben Gram aus. Sie drehte sich um und wandte sich wieder dem Spülbecken zu.
Den
düsteren Ton ändernd, rief sie über die Schulter: »Wenn du möchtest, könnten
wir morgen in die Kunstgalerie der Stadt gehen.«
»Oh
ja. Ja, das würde mir gefallen. Das wäre schön. Wir beschäftigen uns in der
Schule gerade mit Künstlern des neunzehnten Jahrhunderts.«
»Hm,
das dachte ich mir. Du hattest schon immer ein Talent fürs Malen, selbst als du
noch klein warst. Ich habe noch eine der ersten Zeichnungen, die du für mich
gemalt hast.«
»Ich
würde auch gern ins Museum gehen, um eine Ausstellung zweitausendjähriger
Schätze aus Afghanistan zu sehen. Darüber habe ich im Qantas-Magazin im
Flugzeug gelesen.«
»Ich
habe sie gesehen. Sie ist fabelhaft! Sie wird dir gefallen. Wann möchtest du
sie sehen?«
»Vielleicht
übermorgen?«
»Ach,
das ist der Tag, an dem ich gewöhnlich meinen Freund David treffe.« Kaum
ausgesprochen, bereute Sigrid, dass ihr das herausgerutscht war. Wie konnte sie
vergessen, abzusagen? Schnell fuhr sie fort: »Oh, aber ich rufe ihn an und sage
ab.«
»Nein,
bitte tu das nicht meinetwegen. Außerdem hast du die Ausstellung ja schon
gesehen.«
»Kein
Problem. Ich verbringe viel lieber Zeit mit dir, meine Liebe.«
»Aber,
Oma, ich habe mein Skizzenbuch dabei und möchte wirklich einige der
Ausstellungsstücke abzeichnen. Ich verbringe damit immer Zeit allein. Also geh
bitte zu deinem Freund. Du kannst mich absetzen und später wieder abholen. Ich
bin ja kein kleines Mädchen mehr!«
»Gut,
wenn du damit zufrieden bist, dann machen wir das so.« Ohne weitere Planung
ließen sie sich auf dem Sofa nieder und blätterten in verschiedenen
Kunstbüchern. Sigrid legte die CD „On s’en fout“ von Carmen Maria Vega auf,
beginnend mit dem rhythmisch betonten ersten Stück, mit dem sie ihre junge
Besucherin beeindrucken wollte.
»Oh,
Oma, du bist so, so cool.«
Sigrid
lächelte triumphierend.
Werner 2013
Versunken im Geigenspiel Yo-Yo Mas’ „Prélude“ aus
Bachs Suite Nr. 1, bemerkte Werner nicht sofort, wie Eva sein Arbeitszimmer
betrat und ihm eine Tasse Tee und ein Stück Gebäck auf einem kleinen ovalen
Teller brachte.
»Danke, Liebe, das ist genau richtig.«
»Werner, du grübelst zu viel. Ich mache mir Sorgen um dich. Vielleicht
hätten wir in Wodonga bleiben sollen. Du hattest treue Patienten, die zu deinen
Freunden wurden.«
Das hatte er schon öfter gehört und fühlte sich nicht danach, dieses Thema
erneut zu erörtern, doch um seine liebe Ehefrau, zu besänftigen, antwortete er
knapp: »Ja, aber du weißt, meine Arthritis ist nicht mehr so lähmend wie
früher. Außerdem schätzt du doch das Klima hier in Queensland. Du hast ein
schönes Zuhause. Deine Freundinnen und deinen Lesekreis. Du bist engagiert in
der Organisation, die Spenden für die Melanomforschung sammelt.« Er pausierte:
»Ähm – Apricity. Wir gehen zu Konzerten und ins Kino. Du hast mich, und
schließlich bist du Frau Doktor Muller – anglisiert ohne den Umlaut oder das
extra ‚e‘. Was könntest du dir mehr wünschen?«
Werner konnte es sich nicht verkneifen, die teutonische Förmlichkeit zu
wahren: Er sprach sie nicht nur als »Frau« an, sondern hob sie mit seinem
Doktortitel gleich noch auf eine höhere gesellschaftliche Stufe. Eva, die das
auch schon oft genug gehört hatte, wusste, dass jede weitere Diskussion sinnlos
und zwecklos wäre.
»Natürlich, mein Lieber.«
Sie verließ den Raum.
Werner blickte durch das Fenster auf den Kiefernbaum, den er damals gegen Evas
Widerstand gepflanzt hatte, als sie nach The Gap gezogen waren. Er tauchte den
Keks in seinen Tee und ließ seine Gedanken in die Jahre seiner Kindheit in
Deutschland zurückschweifen. Seine früheste Erinnerung war der Garten seiner
Großmutter.
Der Apfelbaum bildete das Zentrum des Gartens; er war das Herzstück aller Besuche bei der Oma. Als er älter wurde, versteckte seine Mutter zu Ostern stets bunte Eier in einem der Äste. Das war die Zeit, kurz bevor die kühle Frühlingsluft milder wurde und die rosa-weißen Blüten überall erschienen. +Er erinnerte sich daran, wie er einige Jahre später auf den großen Ast kletterte, um dann auf das darunterliegende Gras zu springen. Er stellte sich vor, Uli zu sein, der Junge aus Erich Kästners Das fliegende Klassenzimmer, der aus großer Höhe mit einem Regenschirm sprang, um seinen Mut im Gymnasium zu beweisen. Uli brach sich das Bein, wurde aber von seinen Schulfreunden als Held gefeiert. Werner brach sich nicht das Bein, erhielt aber statt einer heldenhaften Anerkennung einen Klaps von seinem Vater und eine strenge Ermahnung, so eine Dummheit nie wieder zu begehen.
Omas Apfelbaum
Im Sommer hing an diesem Apfelbaum eine Sitzschaukel, befestigt an zwei
Seilen, auf der seine Schwester Anna oft so hoch und so wild schaukelte, wie
sie nur konnte.
Oma rief dann stets: »Langsam, Anna! Sei vorsichtig, du fällst noch
herunter! Denk doch an deinen Bruder!«
Doch Anna war wild und furchtlos. Mit ihren weißblonden Locken flog sie
lachend und rufend durch die Luft: »Höher. Schneller. Das ist so schön.« Werner
liebte seine kleine Schwester; sie war alles, was er nicht war: lebhaft, frech,
herausfordernd und sehr eigensinnig. Das Einzige, was sie verband, war eine gewisse
Standhaftigkeit. Wenn Anna ihr Zimmer nicht aufräumen wollte, dann tat sie es
nicht, und damit war die Sache erledigt. Selbst der Vater vermochte sie nicht umzustimmen,
obwohl sie sein ganzer Stolz war, egal, wie sehr sie die Regeln brach. Mit
ihren großen braunen Augen, ihrem Schmollmund und ihren Wutausbrüchen kam sie
immer durch. Es war nicht fair, doch so war Anna eben. Die liebe kleine Anna,
die viel zu früh davonging.
Werners Kindheit verlief bis zu seinem sechsten Geburtstag in gewisser Weise
normal. Er hatte wieder genau vor Augen, wie er an seinem ersten Schultag, Montag,
4. April 1938, mühsam auf seine Schiefertafel schrieb. Zu Hause kümmerte
sich Mutter um ihn und Anna, während Vater noch daheim war.
In den ersten Jahren, nachdem Hitlers Kabinett die allgemeine Wehrpflicht
eingeführt hatte, schien das Leben der Familie Müller wie gewohnt
weiterzugehen. Doch Werner erinnerte sich daran, wie sein Onkel Otto seinem
Vater insgeheim zuflüsterte: »Ich wusste, dass dunkle Zeiten kommen, als Hitler
die Macht an sich riss. Und als dann noch der Reichstag brannte…«
»Was redest du da, Otto?«, entgegnete sein Vater scharf. »Wir haben wieder
Ordnung im Land! Wir haben Brot auf dem Tisch. Erinnerst du dich an die Zeiten,
als wir das nicht hatten? Wenn es einem gut geht, vergisst man das leicht.
Nicht wahr?«
Vater war bei der Ordnungspolizei tätig gewesen, was für Werner bis heute
mit dem Geruch nach glänzenden schwarzen Lederstiefeln verbunden war. Damals
saß Werner oft zu Füßen seines Vaters und betrachtete das Kronenmotiv, das in
die geriffelte schwarze Ferse geprägt war. Häufig war er stolz darauf, die
Dienststiefel seines Vaters zu putzen.
Dann, kurz nach dem Blitzkrieg der Wehrmacht gegen Polen im Jahr 1939,
wurde Vater dorthin entsandt. Mit dem Abzug des Vaters zog das Chaos zu Hause
ein. Seine Einheit wurde einem großen Polizeiregiment unterstellt, und der
Krieg, der bisher so fern gewirkt hatte, bestimmte plötzlich jeden Tag. Die
gewohnte Geborgenheit löste sich auf. Mitte 1940 wurde der Vater nach Norwegen geschickt.
Mutter war sehr betrübt, doch nicht so sehr wie bei seiner späteren Versetzung
an die russische Front. In den Straßen verflog die anfängliche Skepsis mählich:
Der schnelle Sieg über Frankreich schlug in einen verordneten, aber auch von
vielen geteilten Siegetaumel um. Für Werner hatte das Leben in der Schule seine
Ordnung verloren.
Das schrille Klingeln des
Telefons riss Werner aus seinen Gedanken. Als er sich im Drehstuhl herumdrehte,
verstummte das Läuten bereits. Eva musste abgehoben haben. Er blickte auf den
Kieferbaum und dachte daran, dass auch seine Frau seelische Kriegsnarben trug,
obwohl sie in Australien geboren worden war.
Eva Prenzler stammte ursprünglich aus Hahndorf in Südaustralien. Als sie
Werner zum ersten Mal traf, kannte sie zwar einige deutsche Wörter, war jedoch
zu schüchtern, um sie zu verwenden. Ihr Vater Gustav war Pastor. Während des
Zweiten Weltkriegs internierte die australische Regierung die Familie aufgrund
ihrer deutschen Herkunft. Dass Gustav in Adelaide geboren war, verschaffte den
Prenzlers keine Privilegien. Die Jahre im Lager brannten sich tief in ihr
Gedächtnis ein. Die schmerzhafte Erfahrung, plötzlich als Feind im eigenen Land
zu gelten, ließ sie am Glauben ihres Vaters zweifeln und hinterließ Wunden, die
nie ganz verheilten.
Bis heute spricht sie nicht über ihre Abstammung und hat Schwierigkeiten,
ihren Geburtsnamen auszusprechen. Doch ihr anglisierter Name „Muller“ war nicht
weniger deutsch, besonders mit dem vorangestellten Doktortitel. Für Eva war das
jedoch besser als Prenzler. Wenn sie überhaupt auf ihre Herkunft zu sprechen
kam, erwähnte sie ihre Tante Ruth in England, als stamme sie selbst von dort.
Die traurige Ironie liegt darin, dass während der englischen Operation
Gomorrha Werners Mutter und Schwester ums Leben kamen. Das war Krieg in all
seiner Grausamkeit, bei dem unschuldige Zivilisten Schutz vor den
herabfallenden Bomben suchten. Für Werner war dieser Schrecken nie verblasst.
Wenn er heute die Nachrichten sah, aus dem Irak, aus Afghanistan, sah er
dieselbe Blindheit. Jede Generation glaubte, die Welt neu zu erfinden, nur um
am Ende wieder Zivilisten unter Schutt zu begraben. Sogar der Tod war
distanzierter geworden: per Knopfdruck aus einer klimatisierten Einsatzzentrale
am anderen Ende der Welt.
Werner war froh, keine Kinder zu haben. Eva hätte gern welche gehabt, doch
Werners aufgewühlte Jugend, die in jender verhängnisvollen Tat in den letzten Kriegstagen
gipfelte, hatte ihm den Wunsch genommen, jemals Familienoberhaupt zu werden.
Er nahm einen weiteren
Schluck aus dem nun kalten Tee, dachte einen Augenblick nach, stellte die Tasse
beiseite und ging dann zum Wandschrank, um eine Flasche Jägermeister zu holen.
Er goss sich einen großzügigen Schuss in ein Glas, ließ das kräutige Aroma in die
Nase steigen und trank den tiefbraunen Likör mit einem Schluck.
In eine bequeme Haltung gleitend, dachte er erneut an die majestätische
Kiefer im Vorgarten. Er und Eva hatten sich darüber schon mehrfach gestritten.
Auch die Nachbarn hatten sich beschwert, weil der Baum ihnen die Sicht nahm,
doch das war ihm gleichgültig. Es war sein Grundstück, sein Besitz. Er mochte
diese Kiefer, die störrisch prächtig und einsam dastand. Ein Fremdkörper. Na,
und? Es war sein Baum und erinnerte ihn an Deutschland. Ein entspanntes Gefühl
breitete sich in seinen Gliedern aus, und wieder kehrten seine Gedanken an die
Kindheit zurück.
Die Schlacht um Stalingrad
hatte schreckliche Folgen für alle Beteiligten. Und für den Haushalt Müller war
es besonders und persönlich tragisch, als die Todesnachricht eintraf, die sie
darüber informierte, dass Werners Vater im Januar während dieser Schlacht
gefallen war. Das obligatorische „Er starb als Held für seinen Führer und sein
Vaterland“ auf dem Gefallenen-Schreiben war für seine trauernde Familie kein
Trost.
Ein Jahr vor dieser verheerenden Nachricht hatte sich Werners Welt bereits
grundlegend verändert. An seinem zehnten Geburtstag war er, wie alle Jungen
seines Jahrgangs, als Pimpf in das Deutsche Jungvolk aufgenommen worden. Die
Treffen, die Uniformen, der eiserne Drill, alles war darauf ausgerichtet, aus
den Kindern gehorsame Rädchen im Getriebe des Regimes zu machen. „Wer die
Jugend hat, hat die Zukunft“, hieß es. Kameradschaft und Disziplin wurden
gepredigt, doch hinter der Faszination für die Märsche und Lagerfeuer verbarg
sich die schleichende Kontrolle: Die Jungen sollten nicht nur gehorchen,
sondern auch ein wachsames Auge auf ihre eigenen Eltern haben. Dementsprechend
wurden die Jungen mit eiserner Entschlossenheit gedrillt, um dieser NS-Doktrin
ohne Zögern zu folgen. Sie verkündete den Wert, Kinder im Teamgeist und in
Kameradschaft zu erziehen, und unter anderem ihre Dogmen für jene Eltern
zugänglich zu machen, die dem NS-Regime nicht mit enthusiastischer Zustimmung
begegneten.