Enigma in Sepia
Prolog
1 Sigrid, Werner, Heinz
Sigrid schälte sich aus ihrer himmlischen Hängematte und fand Halt. Sie nahm ihr Buch und ihre Tasse Tee und schritt vorsichtig über die Pflastersteine rund um den Lap-Pool, dann weiter auf dem Weg zum Wohnzimmer ihres Bungalows. Wie immer warf sie beim Eintritt einen wehmütigen Blick auf das Foto im geschnitzten Holzrahmen im oberen Bücherregal. Du schaust noch immer nach mir, selbst wenn du nicht mehr bei mir bist. Im Laufe der Jahre hatte die Sehnsucht, das tragische Ereignis ihrer Kindheit in Deutschland zu ergründen, an Intensität nichts verloren. Doch nun würde Isabella ankommen, und Sigrid war fest entschlossen, die nächsten Tage mit ihrer Enkelin zu genießen.
Im Gemurmel der Menschenmenge am Flughafen Brisbane studierte Sigrid die Flugankunftsanzeigen.
»Hallo,
Oma.«
Nach
rechts blickend, wurde Sigrid nur für einen Augenblick vom spektakulären
Anblick eines leuchtend pink- und violett gestreiften Hemdes aus der Bahn
geworfen, bevor sie Isabellas breit lächelndes Gesicht erkannte.
»Oh,
mein Schatz, wie schön, dich wiederzusehen.«
Sie
umarmten sich herzlich, küssten sich auf die Wangen, lachten.
»Wie
du gewachsen bist, seit ich dich das letzte Mal gesehen habe. Sieh uns an – du
bist jetzt größer als ich.«
Einen
Schritt zurücktretend, schwärmte Sigrid weiter: »Oh, lass mich dich noch einmal
anschauen. Du wirst immer hübscher. Du siehst großartig aus, mein Schatz. Ich
freue mich so, dich zu sehen. Hattest du einen guten Flug von Gladstone? Komm,
wir holen dein Gepäck vom Gepäckband.«
Isabella,
unfähig, ein Wort einzufügen, presste die Lippen zusammen und murmelte
verstohlen, während sie sich umsah, ob jemand sie beobachtete: »Ja, na ja…«
Arm
in Arm gingen sie die Rolltreppe in der Ankunftshalle hinunter, um Isabellas
psychedelisch buntes Gepäckstück abzuholen. Man hätte meinen können, es seien
die 1960er Jahre und nicht das einundzwanzigste Jahrhundert. So war eben
Isabella. Ein hinreißendes junges Wesen.
Auf
der Heimfahrt unterhielten sie sich angeregt, ganz offensichtlich einander
Gesellschaft leistend. Während Sigrids Verhältnis zu ihrer Tochter Katrina eher
förmlich war, fühlte sie sich bei Isabella wohl und gelöst. Ihre Enkelin zu
verwöhnen, geschah aus natürlicher Zuneigung – und war das nicht eines der
Privilegien, die man als Oma hatte? Für Sigrid kam diese Wärme organisch vor – fast
wie das Älterwerden. Während die erste Komponente als
angenehm wahrgenommen wurde, stellte die zweite jedoch eine fortwährende
Herausforderung für sie dar.
Sigrid
war sich ihrer körperlichen Ausstrahlung bewusst, besonders auf ihren Reisen
durch Europa. Dort war die politische Korrektheit, die Australien scheinbar
erfasst hatte, erfrischend vage. Noch immer erfreute sie sich an dem Kompliment
eines jungen Franzosen, der sie mit seinem ständigen: Mais oui, Madame, vous
êtes très attirante, amüsiert hatte. Schlank, attraktiv und von Natur aus
kokett, gefiel ihr das heitere Herumalbern mit der Männerwelt. Sigrids kurzes
weißes Haar umrahmte ein ovales Gesicht, aus dem tiefblaue Augen funkelten. Die
leichte Lücke zwischen den Vorderzähnen verlieh ihr ein schelmisches Lächeln,
und die paar Fältchen am Hals taten ihrer Schönheit keinen Abbruch.
Als
sie sich ihrem Heim näherten, richtete sich das Lob an Oma: »Oh, Oma, wie schön
dein Haus aussieht. Was machen die Hühner?«
»Du
wirst sie gleich sehen. Lass mich nur erst den Wagen parken.«
Sie
fuhren zur Garage. Schatzi, der kurzhaarige Dackel, bellte freudig, während er
neben der Einfahrt sprang, rannte und herumtollte. Auch Schatzi freute sich
über Isabellas Besuch, obwohl ihre Ballspiele energischer waren, als der kleine
Hund es gewohnt war. Gertie, Bertie und Floss waren damit beschäftigt, Würmer,
Insekten, Larven und andere Leckerbissen vom Boden aufzusammeln, und nahmen von
der jungen Besucherin kaum Notiz.
Beim
Abendessen erzählte Isabella Sigrid von ihrer Klassenfahrt nach Deutschland,
die für das nächste Jahr geplant war und im Unterricht bereits lebhaft
besprochen worden war.
»Wir
fahren im November los und kommen im Januar zurück. Stell dir nur vor – ein
weißes Weihnachten. Ich habe noch nie Schnee gesehen. Es ist so aufregend. Und
unsere Lehrerin sagte dasselbe wie du über den Christkindlmarkt in Nürnberg.
Ich kann es kaum erwarten, Oma. Es ist so gut, dass du mir bei meinen
Deutsch-Hausaufgaben geholfen hast. All die Erzählungen und die ganze Geschichte
des Landes – das half wirklich. Und wenn ich in der zehnten Klasse bin, fahre
ich wirklich los. Juchhu.«
»Ja,
das ist spannend. Und es wird für dich wunderbar sein, in die Sprache und
Kultur deiner Vorfahren einzutauchen. Nicht nur die deiner Vorfahren, sondern
auch die Sprache, die du in der Schule lernst.« Ihre Stimme senkend, als wollte
sie sich anvertrauen, fuhr Sigrid fort: »Weißt du, wir sind hier in Australien
so abgelegen. In Europa reist man nur kurze Strecken, und schon ist man in
einem anderen Land mit einer anderen Sprache und anderen Sitten. Hier hingegen
legt man lange Strecken zurück, und doch ist alles gleich. Ich weiß«, sie holte
tief Luft, »manche mögen sagen, es gäbe einen Unterschied zwischen einem
Nord-Queensländer und einem städtischen Victorianer, aber – ach, das ist eine
andere Geschichte. Jedenfalls wird es gut für dich sein, und ich freue mich
sehr für dich.«
Mit
einem Hauch von Wehmut fügte Sigrid leise hinzu: »Ich habe immer davon
geträumt, eines Tages mit dir zu reisen. Nun«, sie bebte leicht: »vielleicht
ein andermal.«
Während
Sigrid das Geschirr abräumte, streichelte Isabella das kleine geschnitzte
Eichhörnchen auf dem Bücherregal. »So niedlich«, murmelte sie, »Oma nennt dich
Knusperchen.« Ihr Blick wandte sich auf das alte Foto links daneben, das bei
jedem Besuch ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. Vorsichtig hob sie den
Holzrahmen auf und betrachtete die sepiafarbigen Umrisse der beiden jungen
Leute.
»Oma,
ich weiß, dass du das mit deinem Bruder bist. Wie alt wart ihr da?«
»Ich
war gerade sieben geworden, und Heinz war dreizehn. So alt wie du jetzt bist.
Er wäre der Onkel deiner Mutter gewesen.« Nach einem Moment, den Zeigefinger erhoben,
fügte sie hinzu: »Das war das letzte Mal, dass ich ihn sah. Es war mein
Geburtstag.«
Sie
kam näher, trocknete sich die Hände, deutete auf das Eichhörnchen und fuhr
fort: »Wie du weißt, hat Heinz Knusperchen für mich geschnitzt. Am nächsten Tag
ruderte er mich über den See zum zauberhaften Schloss Schwerin.«
Sie
wischte sich mit dem Handrücken über das rechte Auge; ihre Hand zitterte
leicht: »Dann, nicht einmal ein Jahr später, starb er. Es war tragisch.
Traurig.« Sie holte tief Luft. »Und der Krieg war vorbei. Kannst du dir das
vorstellen? So traurig und ironisch.«
»Es
tut mir leid.«
Isabella
zögerte, grübelte über das Rätsel, das dieses Foto und ihren Großonkel umgab,
seit sie alt genug war, es zu verstehen. Sanft fuhr sie fort: »Was ist denn
eigentlich passiert?«
»Ich
weiß es wirklich nicht. Es war alles so ein Rätsel. Und Mutter, deine
Urgroßmutter Emilie, war natürlich zutiefst betrübt. Ich schätze, damals war
ich zu jung, um es zu begreifen.« Mit Entschlossenheit fügte sie hinzu: »Siehst
du, mein Vater starb als Nächstes. Aber zuvor war Heinz in verschiedene Hitlerjugendlager
geschickt worden. Damals machten sie das mit allen Jungen über zehn. So habe
ich ihn ohnehin nie oft gesehen.« Sie wischte sich über beide Augen.
»Die
Zeiten waren so schlecht, schrecklich. Menschen kamen nie zurück. Bomben
fielen. Alle rannten in Luftschutzkeller.« Sigrid schnäuzte sich, sah ihrer
Enkelin in die Augen und fuhr gesammelt fort: »Ich bin so froh, dass du nicht
in solchen Zeiten aufwachsen musst.«
Seufzend
fuhr Sigrid mit der rechten Hand über den Bilderrahmen und fügte gefasst hinzu:
»Wie gesagt, ich war so jung, aber wenn ich ihn gesehen habe, hat Heinz immer
auf mich aufgepasst und er hat mir gesagt, dass er es immer tun würde.« Sie
zögerte: »Aber das sollte nicht sein.«
Isabella
betrachtete den Jungen auf dem Foto eingehend und kam zu dem Schluss: »Wie
schade, dass du nie herausgefunden hast, was passiert ist. Ihr seht beide
glücklich aus, und er sieht so nett aus.«
»Oh
ja, das war er.« Sigrid hielt inne, mit einem Kloß im Hals und mit erneut
aufkommenden Tränen, betonte sie: »Das war er.« Nach all den Jahren kam der
Schmerz immer noch leicht hoch, wenn sie an ihren Bruder dachte. Die
unerklärlichen Umstände seines frühen Todes lösten stets denselben Schmerz aus.
Sie drehte sich um und beschäftigte sich wieder am Küchenspülbecken.
Den
düsteren Ton ändernd, rief sie über die Schulter: »Wenn du möchtest, könnten
wir morgen in die Kunstgalerie der Stadt gehen.«
»Oh
ja. Ja, das würde mir gefallen. Das wäre schön. Wir beschäftigen uns in der
Schule gerade mit Künstlern des neunzehnten Jahrhunderts.«
»Hm,
das dachte ich mir. Du hattest schon immer ein Talent fürs Malen, selbst als du
noch klein warst. Ich habe noch eine der ersten Zeichnungen, die du für mich
gemalt hast.«
»Ich
würde auch gern ins Museum gehen, um eine Ausstellung zweitausendjähriger
Schätze aus Afghanistan zu sehen. Darüber habe ich im Qantas-Magazin im
Flugzeug gelesen.«
«Ich
habe sie gesehen. Sie ist fabelhaft. Sie wird dir gefallen. Wann möchtest du
sie sehen?«
»Vielleicht
übermorgen?«
»Ach,
das ist der Tag, an dem ich gewöhnlich meinen Freund David treffe.« Kaum
ausgesprochen, bereute Sigrid, dass ihr das herausgerutscht war. Wie konnte sie
vergessen, abzusagen? Schnell fuhr sie fort: »Oh, aber ich rufe ihn an und sage
ab.«
»Nein,
bitte tu das nicht meinetwegen. Außerdem hast du die Ausstellung ja schon
gesehen.«
»Kein
Problem. Ich verbringe viel lieber Zeit mit dir, meine Liebe.«
»Aber,
Oma, ich habe mein Skizzenbuch dabei und möchte wirklich einige der
Ausstellungsstücke abzeichnen. Ich verbringe damit immer Zeit allein. Also geh
bitte zu deinem Freund. Du kannst mich absetzen und mich später ja wieder
abholen. Ich bin ja kein kleines Mädchen mehr!«
»Gut,
wenn du damit zufrieden bist, dann machen wir das so.« Ohne weitere Planung
ließen sie sich auf dem Sofa nieder und blätterten in verschiedenen
Kunstbüchern. Sigrid legte die CD On S’en Font von Carmen Maria Vega
auf, beginnend mit dem rhythmisch betonten ersten Stück, mit dem sie ihre junge
Besucherin beeindrucken wollte.
»Oh,
Oma, du bist so, so cool.«
Sigrid lächelte triumphierend.
Werner 2013
Versunken im Geigenspiel Yo-Yo Mas’ „Prélude“ aus
Bachs Suite Nr. 1, bemerkte Werner nicht sofort, wie Eva sein Arbeitszimmer
betrat und ihm eine Tasse Tee und ein Stück Gebäck auf einem kleinen ovalen
Teller brachte.
»Danke, Liebe, das ist genau richtig.«
»Werner, du grübelst zu viel. Ich mache mir Sorgen um dich. Vielleicht
hätten wir in Wodonga bleiben sollen. Du hattest treue Patienten, die zu deinen
Freunden wurden.«
Das hatte er schon öfter gehört und fühlte sich nicht danach, dieses Thema
erneut zu erörtern, doch um seine liebe Ehefrau, die er viele Jahre lang hatte,
zu besänftigen, antwortete er knapp: »Ja, aber du weißt, meine Arthritis ist
nicht mehr so lähmend wie früher. Außerdem schätzt du doch das Klima hier in
Queensland. Du hast ein schönes Zuhause. Deine Freundinnen und deinen Lesekreis.
Du bist engagiert in der Organisation, die Spenden für die Melanomforschung
sammelt.« Er pausierte: »Ähm – Apricity. Wir gehen zu Konzerten und ins Kino.
Du hast mich, und schließlich bist du Frau Doktor Muller – anglisiert ohne den
Umlaut oder das extra ‚e‘. Was könntest du dir mehr wünschen?«
Werner vermochte es nicht zu unterlassen, die teutonische Förmlichkeit zu
wahren: sie nicht nur mit »Frau« anzusprechen, sondern auch mit seinem
Doktortitel auf eine höhere gesellschaftliche Stufe zu heben.
Eva, die das auch schon zu oft gehört hatte, wusste, dass jede weitere
Diskussion sinnlos und zwecklos wäre.
»Natürlich, mein Lieber.«
Sie verließ den Raum.
Werner blickte durch das Fenster über seinen Kiefernbaum, den er trotz Evas
vieler Einwände gepflanzt hatte, als sie einst nach The Gap gezogen waren. Er
tauchte den Keks in seinen Tee und ließ seine Gedanken in die Jahre seiner
Kindheit in Deutschland zurückgleiten. Seine früheste Erinnerung war an den
Garten seiner Großmutter.
Der Apfelbaum stand im Zentrum ihres Gartens, ja, er war der Mittelpunkt
aller ihrer Besuche bei der Oma. Als er älter wurde, versteckte seine Mutter zu
Ostern stets bunte Eier in einem der Äste. Das war die Zeit, kurz bevor die
kleinen rosa-weißen Blüten überall erschienen. Er erinnerte sich daran, wie er
einige Jahre später auf den großen Ast kletterte, um dann auf das darunterliegende
Gras zu springen. Er stellte sich vor, Uli zu sein, der Junge aus Erich
Kästners Das fliegende Klassenzimmer, der aus großer Höhe mit einem
Regenschirm sprang, um seinen Mut im Gymnasium zu beweisen. Uli brach sich das
Bein, wurde aber von seinen Schulfreunden als Held gefeiert. Werner brach sich
nicht das Bein, erhielt aber statt einer heldenhaften Anerkennung einen Klaps
von seinem Vater und eine strenge Ermahnung, so eine Dummheit nie wieder zu begehen.
Omas Apfelbaum
Im Sommer hing an diesem Apfelbaum eine Sitzschaukel, befestigt an zwei Seilen, auf der seine Schwester Anna oft so hoch und so wild schaukelte, wie sie nur konnte.
Oma rief dann stets: »Langsam, Anna, langsam. Sei vorsichtig. Du wirst
ausrutschen und dich verletzen. Denk an deinen Bruder.«
Doch Anna war wild und furchtlos. Mit ihren weißblonden Locken flog sie
lachend und rufend durch die Luft: »Höher. Schneller. Das ist so schön.« Werner
liebte seine kleine Schwester; sie war alles, was er nicht war: lebhaft, frech,
herausfordernd und sehr eigensinnig. Das Einzige, was sie verband, war eine gewisse
Standhaftigkeit. Wenn Anna ihr Zimmer nicht aufräumen wollte, dann tat sie es
nicht, und damit war die Sache erledigt. Selbst der Vater vermochte sie nicht
zu überreden, und sie war des Vaters ganzer Stolz, ob sie nun im Baum
schaukelte oder nicht. Mit ihren großen braunen Augen, ihrem Schmollmund und
ihren Wutausbrüchen kam sie immer durch. Es war nicht fair, doch so war Anna
eben. Die liebe kleine Anna, die viel zu früh davon ging.
Werners Kindheit verlief bis zu seinem sechsten Geburtstag in gewisser Weise
normal. Er erinnerte sich noch genau daran, wie er am ersten Schultag, Montag,
4. April 1938, mühsam auf seine Schiefertafel schrieb. Zu Hause kümmerte
sich Mutter um ihn und Anna, während Vater noch dort wohnte.
In den ersten Jahren, nachdem Hitlers Kabinett die allgemeine Wehrpflicht
eingeführt hatte, schien das Leben der Familie Müller wie gewohnt
weiterzugehen. Doch Werner erinnerte sich daran, wie sein Onkel Otto seinem
Vater insgeheim zuflüsterte: »Ich wusste, dass dunkle Zeiten über uns
hereinbrechen würden, als Hitler die Macht übernahm und die Koalitionsregierung
auflöste. Und dann brannten diese Brandstifter den Reichstag in 1933 nieder.«
»Was meinst du damit, Otto?«, entgegnete sein Vater aufgeregt. »Wir haben
doch jetzt Recht und Ordnung. Wir haben Brot auf dem Tisch. Erinnerst du dich
an die Zeiten, als wir das nicht hatten? Wenn es einem gut geht, vergisst man
das leicht. Nicht wahr?«
Vater war stets bei der Polizei tätig gewesen, was Werner bis heute mit dem
Geruch nach glänzenden schwarzen Lederstiefeln verbindet. Damals saß Werner oft
zu Füßen seines Vaters und betrachtete das Kronenmotiv, das in die geriffelte
schwarze Ferse geprägt war. Häufig bat er darum, die Dienststiefel seines
Vaters zu putzen.
Doch ein Jahr später wurde die kleine Einheit seines Vaters mit einem größeren Polizeiregiment zusammengeführt. Kurz nach dem Blitzkrieg der Wehrmacht gegen Polen 1939 wurde Vater an die Westfront gegen Frankreich geschickt. Gelegentlich besuchte er die Familie während des Heimaturlaubs, doch das Chaos hatte bereits Einzug gehalten. Die Normalität des bürgerlichen Lebens wurde vom Militarismus überschattet. Eines Tages wurde der Vater nach Norwegen entsandt. Mutter war sehr betrübt, doch nicht so sehr wie bei seiner Versetzung an die russische Front. Zu jener Zeit schwankte ein nationalpopulistisches Gefühl zwischen Fanatismus und Verzweiflung. Für Werner hatte das Leben in der Schule seine Ordnung verloren.
Das Klingeln des Telefons
riss Werner aus seinen Gedanken. Als er sich im Drehstuhl herumdrehte,
verstummte das Läuten. Eva musste abgehoben haben. Werner dachte darüber nach,
dass seine Frau, obwohl sie in Australien geboren war, ebenfalls Kriegsnarben
trug.